Die Nacht ist ein schnatternder Alptraum und ich erwache lange bevor der Nationalparkhüter mich ermahnt bald aufzubrechen.

Raureif auf dem Biwaksack? Das ist ja nicht zu glauben. Wozu verreist man denn im Sommer?

Mir ist so kalt, dass ich aufstehe und zur Cabane an der Strasse hoch gehe. Der Schäfer ist gerade dabei die Schafe zu melken, was ich ehrlich gesagt noch nie gesehen habe. Vermutlich wird daraus der Käse bereitet, der mich später noch in anderem Zusammenhang beschäftigen wird (Lachmuskelmassage).

Er hat auch einen sehr schönen Berger des Pyrenees, der mich an eine vergangene Lebensepoche erinnert. Ob ich wohl ein Foto aus dieser Zeit greifbar habe?

Da ist er ja – 1996 in der kalifornischen Anza Borrego Wüste. Cleveres Kerlchen, wie alle Mitglieder dieser leider ausdünnenden Rasse. Sitzt im einzigen Schatten weit und breit.

Endlich geht die Sonne auf und mit etwas Glück wird es bald etwas wärmer.

Während Silke noch immer tief und fest schläft, betätige ich mich als Frau Holle und lege meine Bettfedern zum Trocknen aus. Da kommt ein Parkhüter und grüsst recht freundlich. „Pas grave“, sagt er. Nicht schlimm, aber dies ist im Nationalpark und biwakieren ist so nah an der Straße eigentlich verboten. Er bittet uns, bald aufzubrechen.

Mir soll es recht sein. Ich habe so gefroren, dass ich eine ganz rote Nase habe. Oder kommt das vom Rotwein letzten Abend, der ebenfalls leer ist. Wir brechen also auf und besuchen noch den Schäfer in der Cabane. Er kocht uns heisses Wasser für einen Pfefferminztee und macht einen traurigen Eindruck. Der Eindruck trügt nicht, denn sein Vater, der in Dünkirchen in Gefangenschaft geraten war, ist vor drei Wochen gestorben. Ein bewegendes Gespräch.

Wir steigen den Wald hoch in Richtung Refuge d’Arrémoulit und trinken den inzwischen lauwarmen Tee gleich leer, damit er nicht so schwer ist. Ich werde nie verstehen, warum Tee im Bauch leichter als im Rucksack sein soll, aber es ist so.

Besonders schwer wird der Tee übrigens, wenn der Weg vor einem so aussieht und wenn er so in der prallen Sonne liegt, wie der Aufstieg zum Col d’Arrious.

Als wir erkennen, dass Peter und Viktor aus dem Tal herauf eilen, beschleunigt sich mein Schritt ins Unmenschliche. Nicht, weil mir die beiden unsympathisch wären – ganz im Gegenteil. Aber wir sind extra abends abgestiegen und einen Vorsprung zu haben. Von denen lasse ich mir nichts vom leckeren Frühstück in der Refuge de Pombie erzählen. Ich habe nämlich einen Mordskohldampf. Bei einer ausgiebigen Morgentoilette holt Peter uns dennoch ein. Viktor hat sich irgendwo zum Schlafen hingelegt, sagt er.

Dort oben links, der le Lurien. Rechts davon muss der Col d’Arrious sich verbergen und dahinter die schreckliche Passage d’Orteig. Im Hintergrund sehe ich den Palas mit einer Wolkenmütze. Oder ist das schon des Balaitous?

Plötzlich sind wir oben, am Lac d’Arrious. Es ist ein bisschen wie im Paradies, sagen wir. Pas encore, finden die Franzosen, die hier lagern.

Warum nach Jahren der Kletterei das bisschen Abgrund mich so irritiert? Ich weiss es nicht. Es ist eben so. Ich gucke nicht gerne in Gravitationsschlünde.

Wir werden uns überhaupt nicht einig und ich steige die 400 Meter ab zum Lac d’Artouste und anschliessend wieder hoch zur Refuge d’Arrémoulit. Wagemut ist etwas für Frauen, nicht für mich. Es ist trocken und langweilig und ich bereue die Entscheidung.

Von unten sieht die Passage d’Orteig gar nicht so schrecklich aus. Aber egal, ich bin im Urlaub und nicht in der Geisterbahn. Ich kann meine Adleraugen aber anstrengen soviel ich will, Silke ist trotzdem nirgends zu sehen.

Schließlich erreiche auch ich, mit ungefähr einer Stunde Verspätung, die Refuge d’Arrémoulit am gleichnamigen Lac.

Wir bekommen wunderbare Betten im Zelt, mit Blick auf den Pic d’Arriel, wenn ich mich nicht irre. Wir treffen Peter und Viktor wieder, die ebenfalls die Passage d’Orteig durchquert haben und im Gegensatz zu Silke eine Kamera dabei hatten. Zur Stärkung gibt es einen Crêpe und ein Glas Wein.

Wir waschen Wäsche im Brunnen hinter dem Haus, legen Zelt und Schlafsäcke zum Trockenen auf riesige Felsplatten und ruhen uns aus.

Um 19 Uhr gibt es ein Mega-Abendessen: Schinken- und Sardellenbaguette-Häppchen, Erbsensuppe mit wildem Spinat, Makkaronigratin mit geräuchertem Schweinefleisch, Apfelmus, Walnusskuchen, Käse und Rotwein. Peter verabschiedet sich. Viktor plant wie wir zur Refugio de Respumoso nach Spanien rüber zu queren. Wir schlafen ein wie schwere Steine.

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