Frühstück in der Pension Dulau, mit Poulain-Kakaopulver und heißer Milch, die aus Tüten in eine Art elektrischer Kuh gefüllt werden muss. Dazu gibt es Baguettes aus einem braunen Papiersack, Honigkuchen, gesalzene Butter und Marmelade. Das klingt vermutlich schrecklich, ist in Wahrheit aber sehr sehr lecker.

Erstaunlich, wie schnell man regeneriert – wenn man nur anständig frühstückt und eine heisse Dusche hat.

Dann Shopping, von Sportgeschäft zu Sportgeschäft, denn wir brauchen einen neuen Regenponcho (der alte von meiner Oma hat jetzt ausgedient) und für Silke neue Schuhe (El Salvador bis Cauterets reicht dann auch mal). Die Wahl zwischen der Dame mit der schrecklichen Stimme und dem netten Herrn im Intersport fällt leicht, aber letztlich macht der kompetente Alpinist im letzten Laden das Rennen, der uns auch von der Brèche Roland abrät, da ohne Steigeisen zuviel Schnee liegt.

Die Wolken nähern sich dem Ort heute bedrohlich und ich bin genervt wegen meiner eigenen Lowa-Schuhe, da sich schon zum zweiten Mal in Folge (bei zwei von zwei Paar Schuhe für insgesamt 179 DM + 179 Euro) nach einer grösseren Tour die Sohle abzulösen beginnt.

Auf der Suche nach einem Restaurant staunen wir über die Wassermassen, die durch das Städtchen fliessen.

Ein Besuch beim Bahnhof ist nicht nur hübsch anzusehen, sondern obendrein informativ. Hier gibt es

Ich bin ich ein bisschen neidisch, auf die schönen neuen Millet-Stiefel, die Silke gekauft hat, aber das leckere Essen entschädigt mich: Es gibt eine Plat montagnarde und ein Menü mit Garbure, Lammkotlett und Käse – zum Nachtisch (war eigentlich meiner) isst sie dann noch die Profiteroles. Das Beste an der ganzen Tour, so kommt es uns heute vor, ist der Besuch in der Therme Bains du Rocher. Drei Stunden kosten zwar fast 20 Euro, aber (und ich habe sowas noch nie gemacht) das Herumliegen im warmen Wasser nach dem gestrigen Gewaltmarsch ist wirklich unglaublich erholsam. Man will gar nicht mehr raus, aus dieser Riesenbadewanne.

Wir besuchen noch das Internet-Café gleich ums Eck, kaufen uns ein paar Tomaten und Rote Beete zum Abendessen in unserem Riesenzimmer und lesen Kurt Tucholsky – über Cauterets (er war kein wirklicher Fan):

Cauterets

Nun grade nicht.

Rings umragt von dunklen Bergen

Bin ich verpflichtet, überall philologischen Assoziationen nachzugehen und bei Flandern gleich den Grafen Egmont, bei Granada das Nachtlager …

Die sich trotzig übergipfeln

und bei Roncevaux das ›Rolandslied‹ zu zitieren? Ich will aber nicht. Im Grunde will ja der Hörer auch nicht.

Und von wilden Wasserstürzen,

Eingelullet wie ein Traumbild,

Es schmeichelt ihn nur, dem Schreiber um eine Nase vorausgewesen zu sein und es gleich gewußt zu haben, denn man ist ja unter gebildeten Menschen. Wenn also von Cauterets die Rede ist, so hat zu erfolgen:

Liegt im Tal das elegante

Cauterets …

Aber entweder sie kennen den ›Atta Troll‹ genau, und dann ist das Zitat nicht nötig – oder sie besinnen sich nicht gut auf ihn, und dann hat es keinen Zweck. Besser wäre, die Reisebriefe Heines wären bekannter als sie sind, auch die aus den Pyrenäen, und alle seine Berichte aus Paris, in denen er sich als einen Jahrhundertkerl seltnen Formats, als einen Propheten und als einen Allesüberschauer zeigt. (»Man müßte wirklich mal abends den Heine wieder heraussuchen … !« Ja, man müßte wirklich einmal.)

So elegant ist Cauterets auch gar nicht. Hier ist das ›Heptameron‹ der Königin von Navarra geboren – aber auch das kann uns nicht trösten. Cauterets liegt in einem engen Tal. Enge Täler … das drückt leise auf die Seele, man fühlt sich ein bißchen zu gut geborgen, das schwere dunkle Grün der Wälder lastet, klettert langsam den Berg hinan, man sieht ihm nach. Wie ein Gitter stehen die Stämme.

Die Kurkapelle spielt einen dünnen Walzer, die Gurgler gurgeln, die Bresthaften baden sich, die Stubenmädchen stehen zusammen und beraten, wer von wem das nächste Kind bekommen wird. Von mir nicht. Auf und davon –!

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