4:00 Uhr. Kleine Stirnlampenlichter unten im Tal. Eine Lerche trällert. Ich bin aufgewacht und kann nicht mehr schlafen. Es ist kalt, der Schlafsack zu eng und egal wo ich das Zelt berühre wird es feucht. Alles Einbildung, ich weiss. Aber immerhin sind wir auf 2,651 m, es ist wirklich kalt und das Resultat ziemlich real.

4:15 Uhr. Langsam wird es heller auf dem gegenüber liegenden Col de Labas. Der Mond ist schon sehr klein und man sieht noch ein paar Sterne.

Als ich versuche, die Morgenstimmung mit der Kamera einzufangen, streikt plötzlich die Steuersoftware. Eine Fehlermeldung meldet irgend einen Zuordnungsfehler. Die Bilder vom Vignemaleanstieg sind plötzlich unsichtbar und bleiben dies auch nachdem die Kamera plötzlich wieder funktioniert. Neue Bilder lassen sich nicht speichern. Erst zuhause kann ich die Bilder mit Hilfe des nicht ganz billigen Cardrecovery-Programms  rekonstruieren. Ich weiss bis heute nicht, was die Ursache für das Problem war. Zu kalt? Zu wenig Strom?

Ich wechsele die Karte aus, um keine Bilder zu überschreiben. Die Lerchen trällern immer lauter. Auch um die Hütte wird es jetzt geschäftig und eine große Gruppe spanischer Alpinisten bindet sich in Seile ein, prüft Steigeisen und quasselt und schnattert. Man will die Vignemale Südostflanke in Angriff nehmen, der hübsch in den ersten Sonnenstrahlen leuchtet.

Langsam wird es heller, wobei die Betonung auf langsam liegt und nicht auf heller. Ich gehe in der Hütte einen Cafe au Lait trinken. Eine deutsche Familie stiefelt verzweifelt hin und her und schaut fassungslos auf das Frühstück der anderen. Selbst keines bestellt? Das ist natürlich ganz schlecht, dann gibt es nichts. Ich komme etwas aufgewärmt zurück und muss daran denken, dass wir auch nichts bestellt haben. Schade eigentlich.

Inzwischen ist es schon richtig hell und die Spanier putzen sich mit eisigem Quellwasser die Zähne. Auf der Terrasse haben auch ein paar Leute auf Isomatten im Schlafsack übernachtet.

Schliesslich pellt sich auch meine wackere Mitstreiterin aus ihrem winzigen Behältnis. Na wie guckst Du denn drein? Wie nach einer durchzechten Nacht.

Wir machen nicht lange rum, sondern uns stattdessen an den Abstieg in Richtung Gavarnie, der ziemlich lang sein wird. Gefrühstückt wird unterwegs.

Ein letzter Blick auf den Vignemale, auf dessen Schneefeldern man die Ameisenstraße der Spanier sieht (ich sehe 44 und ich sehe nicht besonders gut ohne Lesebrille). Es wirkt hier übrigens trotz der Menschenmassen nicht besonders voll oder gar unangenehm. Im Gegenteil! Ein sehr schöner Ort.

Dann geht es ziemlich steil und weit hinunter. Unschwierig, aber anstrengend. Irgendwo dort unten hört man einen Wasserfall.

Vorher gibt es aber das versprochene Frühstück. Leberwurst aus der Dose und schwedische Krusties.

Und dazu gleich einen Mittagsschlaf. Verdient haben wir es und es ist schön warm in der Sonne.

Hoch über dem Abgrund frisst sich der Weg durch den Fels, während …

… unten in der Tiefe der Wildbach unter dem Schneefeld durchgurgelt.

Und was ist das? Genetisch verändertes Vieh, das automatisch seine Hax’n auf der Pont de Neige im Gletschereis frisch hält?

Der Wasserfall ist ganz hüsch, aber schwer zugänglich. Ich gebe einen kläglichen Versuch schnell auf und wir trollen uns gen Tal.

In den Oulettes d’Ossoue wird es wieder flachen und immer hübscher. Hier bleiben wir ein bißchen und bauen einen Staudamm … 😦 … nein? … Silke will weiter.

Dabei gibt es hier wunderhübsche Miniaturen. Ich kann gar nicht aufhören diese Minigärten anzugucken.

Wir staunen immer wieder zurück, zum Vignemale, der langsam aber sicher am Horizont verschwindet.

Dort drüben scheinen einige Wanderer in Richtung Spanien abzubiegen.

Auch wir haben an der Barrage d’Ossoue eine letzte Chance zum Col de Bernatoire abzubiegen, was mir eigentlich Spass machen würde. Aber irgendwie ist mein Fleisch durch die kalte Nacht statt erfrischt doch etwas schlapp.

Plötzlich Autos. Wie eine kleine Planwagenburg der weißen Siedler im Indianerland kommen die mir vor. Es ist schon erstaunlich, wie so ein paar Tage in den Bergen die Sichtweise verändern: Was wollen die hier?

Sieben Kilometer bis Gavarnie? Ohweh.

Es ist heiß. Der Teer klebt an den Schuhen und von den Wänden rieselt spärliches Wasser.

Aus den Wänden wachsen außderdem interessante Pflanzen, dieselben die ich kürzlich von weitem für Geierbabies gehalten habe. Die Blüten sind ziemlich gross und wiegen im Wind.

Überhaupt ist das ganze Tal eigentlich sehr hübsch. Auf der anderen Flußseite verläuft wohl der GR10. Jedenfalls gehen dort die drei Deutschen ohne Frühstück. Die Tochter guckt ernst, was in dem Alter kein Wunder ist. Ich würde auch ernst gucken, wenn ich noch so viel Leben vor mir hätte.

Plötzlich sind wir da. Im Hintergrund sieht man das Couloir Swan, aber vorläufig interessiert uns das nicht.

Dabei reicht schon ein kleines Panaché, um meine Lebensgeister zu revitalisieren, während Silke bei der Tourist Information ein Zimmer für uns sucht. Sie findet tatsächlich was, im Doppelstockbett für 13 Euro pro Nase.

Ein kleiner Spaziergang noch durchs Tal in Richtung Cirque de Gavarnie, als Aperitif sozusagen, fürs Fête du Saint Jean.

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