Nach wenigen Minuten Schlaf, so kommt es mir vor, poltert Silke wütend mit der Faust an die Wand. Ich brauche ein bisschen, um zu verstehen warum. Im Nebenzimmer des hellhörigen Hauses haben drei Spanierinnen beschlossen, um 7 Uhr mit einem unfassbaren Getöse aufzustehen.

Ganz sicher bin ich zwar nicht, ob die drei wirklich so laut reden oder nur unser Kopf so empfindlich ist durch den Wein auf der Fête de la Saint-Jean. Fest steht nur, dass ich mich nach einigen Minuten mit einer jungen Spanierin herumstreite, die eigentlich ganz nett ist und im Übrigen hervorragend Deutsch spricht. Irgendwann kehrt wieder Ruhe ein und die Rauchwolken sind verflogen. Drei Stunden später stehen wir dann auch auf, packen, zahlen und wandern mitsamt Rucksäcken ins Café nebenan um zu frühstücken. Ich vertilge zwei Croissants und einen Café au Lait. Und Silke? Vermutlich nichts.

Das Schöne an einem Tag wie heute ist, dass man gleich nach dem Frühstück zum Mittagessen ins Restaurant Les Cascades gehen kann, das übrigens sehr empfehlenswert ist. Außerdem ist auch die Frage schon geklärt, warum alles so anstregend ist, sogar das Essen. Anschließend kaufe ich beim Kellner, der auch das gegenüber liegende Zeitungsgeschäft betreibt, eine neue Speicherkarte für die Kamera. 20 Euro für 4 GByte. Kein Pappenstiel, aber wenn man es mit analogem Filmmaterial vergleicht, eigentlich fast geschenkt. Dann pilgern wir los. Wir lassen unsere Rucksäcke im Restaurant und schließen uns der Maultierkarawane an, die zum berühmten Cirque de Gavarnie hoch steigt.

Ich muss an Tucholsky denken. Da wandte das Pferd noch einmal den Kopf, schreibt er in seinem Kapitel über den Cirque de Gavarnie, sah mir mit großen, feuchten Augen genau auf die Nase und sprach mit einer tiefen, deutlichen Stimme:»Ich habe ja schon viele Leute auf meinem Rücken getragen – aber eine so schweinemäßige Reiterei ist mir denn doch nicht vorgekommen –!«

Am Ende eines heißen und nicht sonderlich interessanten Anstiegs erreichen wir das Hôtel du Cirque, das aufgrund seiner Lage schon für sich genommen eine Attraktion darstellt. Man kann dort ein Mineralwasser trinken – äh, wenn man möchte.

Alternativ kann man noch ein Stück weiter in Richtung Wasserfall gehen, der übrigens mit 423 m Fallhöhe einer der höchsten in Europa sein soll. Vor diesem Panorama kann man dann ein Selbstportrait schießen, bevor man eiligst wieder zu Tal sputet, um das legendäre Eselrennen (Course des Anes) in Gavarnie nicht zu verpassen.

Dieses Rennen wurde uns vom Cascadenwirt wärmstens empfohlen und hat in der Tat einen gewissen Seltenheitswert.

Was die Esel von der Sache halten sei mal dahin gestellt, aber der Sinn und Zweck des Rennens ist eindeutig: Trotz Fête de la Saint-Jean und dem ganzen Wein bis ins Ziel auf dem Esel sitzen bleiben.

Nun gut. Wir kaufen noch ein Brot und etwas Käse und trinken gierig einen letzten Mente à l’Eau im Les Cascades.

Dann besichtigen wir die Kirche, die Kurt Tucholsky so bescheibt: Im Dorf Gavarnie selbst fand sich ein Schild vor: »Zur Kirche, XVI. Jahrhundert«. Ah – wie gebildet! zur Kunstgeschichte gleich hier gradeaus … In der Kirche stand ein Priester und erklärte einer Reisegesellschaft eine Sammelbüchse. »Diese Kasse ist für die Errichtung einer Madonna bestimmt, die hier stehen und Gavarnie gegen die Lawinen schützen soll.« Wer etwas geben wolle … ? Spende man aber fünf Francs, so dürfe man sich in jenes goldne Buch eintragen. Alle spendeten, alle trugen ein. In der Ecke stand eine bescheidne Holzbüchse. Für die Armen. Keiner gab einen Sou.

Naja, Vielleicht hat die Madonna ja doch genützt, denn soviel Armut scheint es in Gavarnie nicht mehr zu geben. Und von Lawinen hat man auch schon lang nichts mehr gehört.

Und ehrlich gesagt, der Friedhof von Gavarnie läd geradezu zum Sterben ein. Oder zumindest zum Verweilen. Die Gräber erzählen allerdings Geschichten über das Dorf, die von einem schweren Leben voller Dramen zeugen. Ein denkwürdiger Ort.

Schließlich eisen wir uns los und steigen im Wald steil in Richtung Refuge d’Espuguette hoch. Einige junge Leute kommen uns entgegen und erzählen, es sei wirklich sehr steil.

Vor allem aber ist es heiß und trocken. Beim gesamten Aufstieg finden wir nur eine einzige Quelle und dem entsprechend phänomenal schmeckt das eiskalte Wasser.

Wieder einmal entpuppt sich der Blechnapf aus Pamplona als unser wichtigster Ausrüstungsgegenstand.

Es ist schwierig, sich ein besseres Getränk als frisches Quellwasser im Gebirge vorzustellen. Wenn ich das Kondenswasser betrachte, das sich auf der eiskalten Tasse bildet, bekomme ich gleich wieder Durst.

Ich kann gar nicht genug kaltes Wasser kriegen. Am liebsten würde ich reinliegen, aber der Trog ist zu schmal 🙂 .

Schließlich erreichen wir die Baumgrenze und eine Wiese voller Kühe und Kälber, die abwechselnd Muh sagen und bimmeln. Dabei schauen mich besonders die Kälber an wie den bösen Wolf. Ich mache mir etwas Sorgen, wegen den Kühen, die das Ganze kritisch beäugen.

Ein  Blick zur Brèche de Roland, die langsam über dem Wald sichtbar wird. Sein Schwert hieß Durndart, heißt es im Rolandslied des Pfaffen Konrad, weil in der ganzen Welt nie eines geschmiedet worden war, das ihm gleich gekommen wäre. Es war von besonderer Art: Wohin immer man damit schlug, dort war der Tod zur Hand.

Statt dessen wird das 500 m hohe Couloir de Swan zwischen dem Grand und dem Petit Astazou sichtbar. Es wurde 1885 von Francis Swan und Henri Passet erstbegangen. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass diese Rinne als Eistour begangen wird, so wenig Schnee wie derzeit dort liegt.

Über ein paar letzte hundert Meter, die in der Tat fast senkrecht über Gras nach oben zu führen scheinen, erreichen wir schließlich mit heraus hängender Zunge die Refuge d’Espuguette.

Wir richten uns ein und sehen uns um. Es gibt einen spektakulären Sonnenuntergang, der gar nicht aufhören will.

Ein leckeres Abendessen aus dem Rucksack und eine Tomate nebst Wein vom Hüttenwirt in bester Gesellschaft. Jonathan aus Schottland schreibt an seiner Dissertation über die Migration von Wildtieren über die Pyrenäen und nebenher als Trekking-Führer. Er und Bill wollen morgen in den Cirque de Gavarnie absteigen und geben uns noch einige Tipps für die weitere Route.

Jonathan erzählt von dem letzten erschossenen Bären in den Pyrenäen, der von Kugeln schon durchbohrt noch von einem Polizeiauto überfahren wird. Während dessen werden wir von draußen aufmerksam beobachtet 🙂 .

Die Brèche de Roland zieht sich langsam den Schlafanzug an, aber man kriegt trotz des grauen Schleiers nicht genug von diesem Anblick. Da ich dich nun nicht länger tragen soll, spricht Roland zu Durndart, wirst du keinem Menschen mehr schaden. Er hob das Schwert hoch und schlug damit auf den Stein. Es zeigte keinerlei Spuren. Wieder schlug er zu. Mit beiden Händen drehte er das Schwert. Er versuchte es zehnmal. Dann sagte er: Lägest du doch auf dem Meeresgrund, damit du keinem Christen jemals den Tod bringen könntest!

Wir reden über Mendeley, Commons, den britischen Wirtschaftswissenschaftler und Buchautor Tim Jackson, Gott und die Welt, bis in Gavarnie die letzten Autos den Heimweg antreten. Seltsam, wie fremd dies alles von hier oben wirkt.