Die Pyrenäen. Sie sind nicht allzu hoch –
ihre Linien sind sanft geschwungen, der
scharfe Grat ist hier selten, und alle Kuppen
sind rund. Es ist wie erstarrte Musik in
diesen Höhenzügen.
Kurt Tucholsky, 1927

Wir stehen auf dem Col de Peyreget, wo ein kleines Schild eine Höhe von 2.320 m
über dem Meeresspiegel anzeigt. Nicht allzu hoch also, ich bin trotzdem außer
Atem. Vermutlich ist aber nicht der Berg daran schuld, sondern meine mangelhafte
Kondition. Die runden Kuppen kann ich nicht sehen. Sie dösen im Morgennebel
vor sich hin. Es duftet nach Thymian und feuchtem Gras. In der Ferne hört man
Schafglocken.


»Dort unten«, sage ich und zeige ins Tal. Sie blickt suchend in die Tiefe.
»Siehst du sie?«, frage ich. »Die Schafe! Die Schafe von Garrett Hardin.«
Sie verdreht die Augen.
»Garrett Hardin? Lass mich bloß mit Garrett Hardin in Ruhe«, gibt sie zurück
und macht sich an den Abstieg.

Ich schaue ihr nach und muss lachen.
Als wir uns kennenlernten, hatte ich noch nie von Hardin gehört. Auch nicht
von seinem »Nutzenoptimierer«, der so lange Vieh auf die Weide treibt, bis die
leergefressene Grasnarbe verödet – von der »Tragedy of the Commons« also.
»Commons?« Ich hatte keine Ahnung, was das sein sollte.
Ich schaue zurück zu den Schafen und nehme einen Schluck aus der Wasserflasche.
Dann folge ich ihr …

Aus: Commons. Für eine Politik jenseits von Markt und Staat.

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